|
Das Fest schien schon verdorben, bevor es
angefangen hatte. Da sagte doch die Pfarrerin beim Gespräch mit den Eltern,
eine Woche vor der geplanten Taufe: „Tut mir leid, aber diese Paten gehen
nicht!" Die Eltern des halbjährigen Kindes waren in der Zwickmühle.
Wie sollten sie das ihren besten Freunden
beibringen? Die hatten sofort freudig zugesagt, Paten zu werden? Sicher, dass
die beiden nicht in der Kirche sind, das wussten die Taufeltern. „Aber ist denn
so etwas heute noch so schlimm?", fragten sie die Pfarrerin enttäuscht.
Das Wichtigste sei doch, dass die Eltern den Paten vertrauten.
Die Geistliche schüttelte den Kopf: „Nein,
Ihre Freunde können unmöglich Paten werden!" Ihr Argument: Das Patenamt
sei ein kirchliches Amt, und das könnten nun mal nur Kirchenmitglieder ausüben.
Schließlich müssten die Paten versprechen,
dass sie bis zur Konfirmation gemeinsam mit den Eltern für die Erziehung ihres
Patenkindes im christlichen Glauben sorgen würden. „Könnte das jemand glaubhaft
versprechen, der sich selbst von der Kirche abgewendet hat?", fragte die
Pfarrerin.
Irgendwie verstanden die Eltern das Anliegen
der Pfarrerin. Aber auch sie hatten ein besonderes Anliegen bei der Wahl der
Paten: Sie wollten diese Menschen gern in eine enge Beziehung zu ihrem Kind
bringen. Was wäre, wenn ihnen selbst einmal etwas zustieße?
Ihre Freunde hatten schon signalisiert, dass
sie sich dann um das Kind kümmern würden. Dieses Versprechen, so die Eltern,
sei ihnen viel wichtiger als die Kirchenmitgliedschaft ihrer Wunschpaten. Ein
fragwürdiges Argument?
Als das Patenamt in der Alten Kirche
entstand, hatte es eine ganz andere Bedeutung als heute: Der Pate musste für
den damals in der Regel erwachsenen Täufling vor der Gemeinde bürgen, dass es dieser
mit dem neuen Glauben wirklich ernst meint.
Schließlich konnte der Glaube dramatische
Konsequenzen haben, denn im Römischen Reich gab es immer wieder grausame
Christenverfolgungen.
Als das Christentum zur Staatsreligion in
Europa geworden war, mussten die Paten sogar ein Examen ablegen, in dem
getestet wurde, ob sie ihrem Patenkind denn auch den rechten Glauben beibringen
könnten.
Zu Beginn der Neuzeit wandelte sich mit der
Taufe auch das Patenamt: Man bemühte sich, dem Kind möglichst angesehene und wohlhabende
Paten zu verschaffen, denn man erwartete von ihnen zur Taufe und zu
Geburtstagen reiche Geschenke.
Heutzutage möchten Eltern oft nahe Verwandte
und besonders gute Freunde enger an ihre Familie binden, indem sie sie zu Paten
wählen. Dadurch ist der kirchliche Sinn des Patenamtes bei den meisten
Taufeltern in den Hintergrund getreten. Patenschaft gilt heute als Auszeichnung
und Freundschaftsbeweis für die Paten und als eine Absicherung des Kindes im
Falle eines Unglücks: Stößt den Eltern etwas zu, so die Hoffnung, springen die
Paten ein.
Die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer in der
evangelischen Kirche haben Verständnis für solche sozial motivierte Patenwahl.
Dennoch müssen sie darauf bestehen, dass zumindest ein Pate evangelisch ist
oder zumindest einer anderen Kirche aus der Arbeitsgemeinschaft christlicher
Kirchen angehört.
Das könnte zum Beispiel auch ein Katholik
sein. Die Kirche will nicht nur Zeremonienmeisterin für schöne Rituale sein,
sondern daran erinnern, dass der christliche Glaube, die Gemeinschaft mit Gott
im Zentrum steht.
Durch die Taufe empfängt ein Mensch nach
kirchlichem Verständnis nämlich mehr als nur einen feierlichen Glückwunsch für
sein Leben. In der Taufe wird der Täufling Christ, und zum Christsein gehört
die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden unverzichtbar dazu.
Doch es muss vor der Taufe keine Tränen
geben. Meistens können sich Pfarrer und Eltern einigen. Die Pfarrerin kann die
enttäuschten Taufeltern beruhigen: „Sie suchen einen zusätzlichen Paten, der
Kirchenmitglied ist. Wenn das schwierig ist, helfe ich Ihnen bei der Suche.
Ihre ursprünglich vorgesehenen Paten werden
als Taufzeugen an der Taufe beteiligt und auch in die Taufurkunde
eingetragen."
Das Fest ist gerettet! Vielleicht aber ist
gerade die Übernahme eines Patenamtes auch ein guter Grund, wieder in die
Kirche einzutreten. Denn wer einen Täufling an die Hand nimmt, sollte wissen,
wohin der Weg führt
|